Warum haben Frauen so weitverbreitet Minderwertigkeitsgefühle?

 

Dass sie sie haben, ist für mich kaum noch eine Frage.

Es zeigt sich in tausenderlei alltäglichen und weniger alltäglichen Situationen.

Seit ich mir dieses Gefühl bei mir selbst bewusst machte und genauer unter die Lupe nahm, interessierte mich natürlich auch  -  wie empfinden das andere Frauen? Kennen sie es ebenso und wie gehen sie damit um? Es gibt kaum ein öffentliches Bekenntnis von Frauen darüber; es ist also ein Thema, über das sie nicht gerne plaudern. Daher dachte ich anfangs, es sei bei mir besonders stark ausgeprägt und ich gehöre damit vermutlich einer kleinen Frauen-Minderheit an. Dann begann ich, mit anderen Frauen darüber zu reden. Vielleicht war es mein Offen-Sein, das sie ebenso offen sein ließ; jede meiner Gesprächspartnerinnen kannte das Gefühl sehr gut und nickte wissend, als ich beschrieb, wie ich das empfinde und wie es sich für mich zeigt.

Sie alle kannten es auch? Ich war baff.

 

Nun gut, dachte ich, das gilt also für die "normale" Frau; aber doch sicher nicht für erfolgreiche, emanzipierte Frauen in Spitzenpositionen. Dort kann kein Platz für ein solches Gefühl sein.

Aber auch diese Frauen haben offensichtlich damit zu tun. Dass sie es nicht in der Öffentlichkeit breit treten, ist nur allzu verständlich. Manche Frau erzählt dennoch davon.

Ein interessantes Buch hierzu ist: "Confidence Code / was Frauen selbstbewusst macht". An vielen Beispielen wird herausgearbeitet, dass Frauen keineswegs weniger intelligent sind, dass es ihnen aber an Selbstvertrauen mangelt. Die zwei Autorinnen vertreten die Meinung, dass frau Selbstbewusstsein lernen kann.

 

Es ist erstaunlich, wo sich weibliche Minderwertigkeitsgefühle überall auswirken und in wievielen Facetten sie sich mehr oder weniger deutlich zeigen. Erstaunlich ist auch, dass sie so hartnäckig in Frauen zu sitzen scheinen; selbst in jungen Frauen, die in eine doch recht freie und emanzipierte Zeit hinein geboren wurden.  Mir fiel auf, dass Frauen dazu neigen, nach der Schule noch eine Ausbildung und noch eine dran zu hängen; was schließlich bedeutet, dass sie sich immer noch nicht fit für einen Beruf fühlen. Sich als noch nicht "gut genug dafür" empfinden.

 

Warum arbeiten viele Frauen freiwillig in einem Job, der unterhalb ihrer Fähigkeiten liegt? Ich betone das "freiwillig" - denn diese Frauen suchen erst gar nicht nach einem anspruchsvollen Berufsangebot oder wenden sich von einem solchen ab, selbst wenn sie die Ausbildung dafür erfolgreich absolviert haben. Sie "stapeln tief", weil sie das Gefühl haben, dem Job nicht gewachsen zu sein.

 

Woran liegt es, dass Frauen sich um einen Job, bei dem sie 20 oder 30 Prozent der Anforderungen (noch) nicht erfüllen, erst gar nicht bewerben? Offenbar mit der Gewissheit, dafür nicht geeignet zu sein, da sie nicht allen Anforderungen genügen?

 

In der Süddeutschen Zeitung fand ich einen interessanten Artikel. "Kann die das?" - Schattenseite des Feminismus .

Es lohnt sich den ganzen Artikel zu lesen, hier will ich nur einen kleinen Teil herausgreifen:

 

Kaum etwas scheint Frauen mehr zu polarisieren als erfolgreiche Frauen. Oder Frauen überhaupt, die ganz anders leben, als man sich das für sich selbst mehr oder weniger ausgesucht hat. Ursula von der Leyen? Bundesministerin, sieben Kinder, und dann wagt sie auch noch zu lächeln ("Dauerlächeln"). Na ja, die hat halt genügend Personal. Julia Jäkel? Erste Frau im Vorstand des Verlagshauses Gruner+Jahr, Mutter von kleinen Zwillingen, Ehefrau von Ex-Fernsehmoderator Ulrich Wickert. Also bitte, geleistet hat die ja wohl noch nichts! Maria Furtwängler? Schauspielerin, Ärztin (manchmal sogar ohne Grenzen), kühle Schönheit, Mutter, Ehefrau des Großverlegers Hubert Burda. Warum muss die denn jetzt schon wieder so lasziv tun? Hillary Clinton? US-Außenministerin, (mögliche) Präsidentschaftskandidatin 2016, Frau von Ex-Präsident Bill Clinton. Hat die eigentlich auch Gefühle, oder geht es ihr "nur" um die Macht? Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

Was veranlasst uns, auf diese Weise neidisch zu sein, warum freuen wir uns nicht über solche Beispiele starker Frauen? Sie könnten uns als Vorbild dienen.

 

Frauen gehen oft sehr verächtlich miteinander um, wenn sie unter sich sind. Kopieren offensichtlich männliches Verhalten, auch deren oft rauhe Sprüche. Immer wieder prangern Frauen dieses Verhalten bei Männern an, und das völlig zurecht! Und dann tun sie es selbst!  Warum bloß?

 

Es geht nicht darum, dass sich Frauen untereinander immer solidarisch erklären und verhalten müssen, nur weil sie dem gleichen Geschlecht angehören. Es sollen keine Unterschiede weggewischt oder unter den Harmonie-Teppich gekehrt werden. Es geht um frauenverachtendes Verhalten, es geht darum, dass sich Frauen oft fertig machen, anstatt sich gegenseitig zu stärken - etwas, das immer wieder zu beobachten ist, wenn Frauen unter sich sind. Sind wir Frauen uns bewusst, was wir da tun?

 

Viele Frauen schauen kaum auf ihre Stärken und Fähigkeiten sondern weit mehr auf das, was nicht so gut ist, auf ihre Schwächen. Das kann man schon sehen, wenn sich Frauen im Spiegel betrachten - also direkt körperlich. Da erscheinen Schwachstellen RIESIG, selbst solche, die im Grunde gar keine sind.

Das Beispiel lenkt den Blick darauf, wie Frauen ihre Schwachstellen auch noch vergößern.

Was veranlasst uns, das in einer so umfassenden Weise zu tun?

Warum ist es unter Frauen so verbreitet, den Blick viel mehr auf die eigenen negativen Seiten zu legen?  Wer oder was drängt uns Frauen dazu, uns oder unsere Leistungen abzuwerten oder sie purem Zufall zuzuschreiben?

 

Diese Rätsel gilt es zu beleuchten, vielleicht lassen sich sogar plausible Gründe dafür finden. Wichtiger schiene mir, wie kommen wir von diesem dummen Weg wieder ab?