Stadt-Fotografie ... Dokumentation oder Fotokunst?
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Ich mag das Wort „Streetfotografie“ und gleichzeitig passt es mir nie ganz. 

Ich fotografiere in der Stadt, ja. Ich fotografiere Menschen, Situationen, Licht, Bewegung, manchmal auch einfach einen Ort. Wichtig ist, dass der Moment, den ich fotografiere, etwas in mir auslöst. Mal ist es Neugierde, mal sind es Gefühle, Emotionen. Doch mit dem Fotografieren ist es für mich nicht getan. Anschließend bearbeite ich die Fotos. Dabei geht es mir nicht um „schöner machen“, sondern um Klarheit und die Frage: Was war in diesem Moment wirklich wichtig (für mich)? Was hat mich angezogen? Was will ich mit dem Bild sagen? Was habe ich gesehen?
Und wenn dann ein störendes Detail im Bild alles andere übertönt, dann nehme ich es raus. Ich will damit nicht tricksen, sondern den Kern dessen, was ich sah, deutlich heraustreten lassen. Auch passe ich die Farbstimmung so an, dass es dem nahekommt, was ich wahrnahm, wie die Szene auf mich wirkte und wie es ihr gut tut. 

Darum ist meine Arbeit niemals Dokumentation. Sie hat einen dokumentarischen Anfang, ja, aber einen klar gestalterischen Schluss.

 

Ich merke oft, dass es in der Fotografie diese stillen Schubladen gibt: Street muss so aussehen, Architektur muss so aussehen und Reportage muss so aussehen.
Ganz ehrlich: Das interessiert mich nur begrenzt bis gar nicht. Ich verstehe, warum solche Begriffe hilfreich sind, aber wenn ich fotografiere, denke ich nicht in Kategorien. Ich denke in Bildern. 

Mal zieht mich Bewegung an: eine Person im Vorbeigehen, verwischt und nur noch schemenhaft zu sehen.
Mal ist es das Gegenteil: zwei Menschen auf einer Bank, ruhig, nebeneinander und doch jeder in seiner Welt.
Mal sind es Linien, Treppen, Unterführungen, Spiegelungen, Lichtkanten.
Mal ist es ein kleiner Moment, der einfach da ist und mich berührt, fasziniert ohne dass ich ihn erklären muss oder kann.

Genau das sieht man in der Serie hier.

Ich beginne bewusst mit Bildern, in denen die Stadt selbst wirkt: Flächen, Kanten, Licht, Spiegelungen. Da passiert scheinbar nicht viel, und auch das mag ich. 

 

 

Und nun wird es bewegter.

Zug, Schritte, Vorbeigehen, kleine Unruhe im Bild. Solche Momente interessieren mich sehr, gerade wenn sie nicht geschniegelt aussehen. In der Bearbeitung verstärke ich das, was ich in der Szene gespürt habe, statt es glatt zu machen.

 

 

 

 

Hier nun geht es mehr um Menschen und die kleinen Dinge zwischen ihnen: Blicke, Abstand, Präsenz, manchmal auch Zufall. Es sind keine großen Inszenierungen, eher leise Situationen, die man schnell übersehen könnte – und die gerade deshalb für mich stark sind.

 

 

 

 

Und dann bleibt ein letztes Bild, das nicht alles erklärt. Genau das mag ich: ein offenes Ende statt einer fertigen Pointe.

 

 

 

 

Die Sehnsucht nach „reiner Dokumentation“ ist oft ein bequemes Alibi – als gäbe es neutrale Fotos. Gibt es nicht! Schon der Moment des Auslösens ist Auswahl, also Interpretation.

Ich mache daraus kein Geheimnis; ich gehe nur konsequent weiter: Ich forme, reduziere, schärfe.

 

Wenn das Puristen nicht „street“ genug ist, ist das deren Maßstab – nicht meiner.

Wer Beweisfotos will, soll Überwachungskameras anschauen.

Ich mache Bildaussagen.

 

 

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