Kein roter Mohn?
Zuerst war ich beeindruckt von der Größe des Feldes. Mohnblumen, so weit ich schauen konnte. Und gleichzeitig war da eine kleine Enttäuschung. Dieses Feld war nicht so, wie ich es erwartet hatte. Es leuchtete nicht auf diese laute, mohntypische Weise. Es war eher Ton in Ton.
Ich hatte roten Mohn vor Augen, als ich losging. Dieses klare, kräftige Rot, das man schon von weitem sieht. Roten Mohn, der sofort da ist, sofort Bild ist, sofort Sommer – den „echten Mohn“ eben.
Stattdessen stand ich vor einem Feld, das gar nicht rot war. Eher lila. Oder rosa. Mauve vielleicht. Ich weiß nicht einmal genau, wie ich diese Farbe nennen soll.
Dann ging ich hinein.
Zwischen den Blüten wurde die Farbe anders. Feiner, nuancierter, weniger eindeutig. Ich merkte, dass das fehlende Rot vielleicht gar kein Verlust war. Rot ist schnell zu viel, auch fotografisch. Es setzt sich sofort über alles. Diese Blüten hier taten das nicht. Sie verlangten, dass ich genauer hinsah.
Es war ein warmer, heller Tag. Für Mai fast schon sommerlich. Kurz dachte ich, ich sei vielleicht zu spät dran. Aber die Sonne stand noch gut. Stark, fast ein bisschen zu stark. Und gerade dadurch bekamen die Blüten dieses dünne, helle Leuchten.
Am Anfang sah ich noch das Feld. Die Menge. Die Breite. Dann wurde mein Blick kleiner.
Eine Pflanze stand aufrecht zwischen den anderen. Eigentlich war sie schon nicht mehr ganz Blüte. Eine Samenkapsel und ein einzelnes Blatt. Schlicht, aufrecht, ein bisschen eigen.
Das gefiel mir.
Unten, zwischen all dem Lila und Rosa, tauchten rote Mohnblüten auf, die wild mit aufgegangen waren. Die, die ich zuerst vermisst hatte. Jetzt waren sie da, aber sie lockten mich nicht mehr weg.
Ein Stück weiter standen zwei helle Blüten im Feld.
Fast weiß, aber nicht ganz. Sie hatten noch einen Hauch von der Farbe in sich, die alle anderen Blüten trugen. Sie standen auch etwas höher, schauten ein wenig über die anderen hinweg.
Die eine war schon offen, die andere noch geschlossener und niedriger. Gerade das mochte ich. Es war nicht eine einzelne helle Blüte, die zufällig aus dem Feld herausfiel. Sie waren zu zweit.
Sie gehörten dazu. Aber nicht ganz und gar.
Dann kam diese eine Szene, bei der ich sofort wusste, dass ich bleiben würde.
Die Blüte war nach vorne geöffnet, als gäbe sie den Blick frei, nur für mich. Hinten lagen die Blätter um die Samenkapsel, fast wie Hände. Nicht fest, nicht eng. So, als würden sie halten, was noch nicht ganz ungeschützt sein sollte.
Das Licht fiel genau hinein.
Für mich hatte das etwas von einer Bühne. Alles war an seinem Platz. Die Kapsel, die Blätter, das Licht, die Öffnung zu mir hin. Ich durfte hineinschauen, aber nicht alles lag offen.
Schon in diesem Moment wusste ich: Das wird mein Herzensbild.
Ich ging ein Stück weiter. Es war schon warm, sehr warm sogar, aber ich hoffte, vielleicht trotzdem noch ein paar Wassertropfen zu finden; denn ich liebe Wassertropfen.
An einer Stelle, die etwas tiefer lag, war die Sonne noch nicht ganz angekommen. Und tatsächlich saßen da noch welche. Ganz klein, am Rand einer Samenkapsel entlang.
Sie saßen nicht fein platziert auf einer Blüte. Aber ich freute mich einfach, dass sie da waren. Und im Nachhinein finde ich es gut, dass sie genau dort saßen, wo sie saßen.
Dann sah ich etwas, das ich so noch nie bewusst wahrgenommen hatte.
Mohnkapseln kenne ich, Mohnblüten sowieso, und auch die feinen Fäden in der Blüte, wenn sie noch offen ist oder schon auseinanderfällt. Aber hier saß die Kapsel da, und die Fäden hingen nicht nach unten. Sie standen nach oben und um die Kapsel herum.
Das erstaunte mich wirklich.
Im Gegenlicht leuchtete alles auf: der Stängel, die Härchen, die Kapsel, diese alten Blütenreste. Und trotz des Leuchtens war hier nichts lieblich. Eher streng. Ein anderer Mohn als der, den ich kannte.
Dann kam die Hummel.
Eigentlich hatte ich noch dieses klassische Bild im Kopf: eine Hummel an der Blüte, schön beladen, vielleicht im Anflug, alles genau so, wie man es gern fotografiert.
Diese hier zeigte mir erst einmal den Rücken. Oder besser gesagt: ihren ziemlich dicken Hummelhintern. Einen Moment lang musste ich an den Satz denken, dass auch ein schöner Rücken entzücken kann. Und dann musste ich lachen.
Sie wirkte nicht leicht. Nicht grazil. Eher fertig mit der Welt. Die Beinchen gespreizt, schwer beladen, als müsse sie jetzt nur noch irgendwie nach Hause kommen.
Ein Schritt nach draußen, ein letzter Blick zurück.
Ich wollte nicht nur Blüten zeigen, sondern auch den Ort, an dem sie standen. Darum habe ich bei diesem Bild nicht die Version gewählt, in der der Hintergrund fast ganz verschwindet. Das Dorf, die Kirche, Dächer, Felder – diese ganz normale Landschaft sollte erkennbar bleiben.
Dieses Bild ist anders als die anderen. Und auch anders, als ich meistens fotografiere. Es wirkt ein bisschen gröber vielleicht, erdiger. Aber es zeigt, wie es dort war. Wo all das war. Vor einem Dorf. Unter einem hellen Himmel. Mitten in der Welt.








