Schnappschuss oder Fotografie?

"Was gibt´s denn hier Schönes zu knipsen?"

 

So oder mit ähnlichen Worten werde ich immer wieder mal angesprochen, wenn ich draußen mit meiner Kamera unterwegs bin. Dass es einfach nett gemeinte Kommunikation beim Vorübergehen ist, ist mir durchaus klar. Und doch schmerzt mein sensibles Fotgrafinnenherz bei diesen Worten wirklich jedes mal. Manch einer mag das pingelig nennen oder Wortklauberei, aber "knispsen" ist nicht das, was ich tue - ich fotografiere. 

Was die Frage aufwirft: Was ist denn der Unterschied zwischen "knipsen" und "fotografieren"?

 

Knipsen - naja, das ist schnell erklärt. "Man" sieht etwas Interessantes, will es festhalten, zückt die Kamera und macht das Bild. Fertig.

 

Nun zur Fotografie - hier muss ich weiter ausholen. Viele kennen den Satz fotografieren sei „malen mit Licht“. Dieser ist durchaus wörtlich zu verstehen. Das Wort „Fotografie“ (Photographie) kommt aus dem Altgriechischen und setzt sich zusammen aus

 

photós“- Licht

und

graphein“ - schreiben, malen, zeichnen.

 

„Malen mit Licht“ klingt natürlich weitaus eleganter als "fotografieren", doch diese Bezeichung zeigt auch klar auf: Fotografieren bedeutet, ein Bild bewusst zu gestalten, es "zu malen". Hier kommt ein kreativer Aspekt ins Spiel.

 

Vor jedem fertigen Bild stehen Fragen:

  • Was will ich fotografieren?
  • Warum will ich es fotografieren?
  • Was soll später auf dem Bild zu sehen sein, was will ich zeigen / vermitteln?
  • Wie gelingt mir das am besten?

Je bewusster ich mich mit diesen Fragen beschäftige, desto mehr werde ich mein Bild "selbst malen" anstatt etwas "abzuknipsen".

 

Es geht um die Wahl des Motives und eine bewusste Wahl der Stilmittel. Das Bild wird "inszeniert".

Dies ist im Grunde auch schon der Unterschied zwischen einer Fotografie und einem Schnappschuss.

 

Inszenierung bedeutet in diesem Zusammenhang aber keinesfalls zwingend, dass wir Szenen konstruieren. Es geht darum, unser Motiv bewusst in Szene zu setzen, es "ins richtige Licht zu rücken", so, wie wir es zeigen wollen. Unser Gefühl weiß meist sehr genau, wie das geht und wir wenden die Grundregeln und fotografischen Stilmittel oft intuitiv an. Noch besser, weil erfolgreicher, ist es allerdings, wenn wir diese - zusätzlich zu unserem Gefühl - auch klar benennen können um sie bewusst und gezielt einzusetzen. 

 

Natürlich ist es sehr hilfreich, zumindest die grundlegende Technik der Kamera zu verstehen. 

Wie wird das Bild belichtet, was ist Verschlußzeit, ISO, Blende usw. Zu dieser technischen Seite der Fotografie wird es in diesem Blog nach und nach Artikel geben.

 

Bevor ich nun zu den Stilmitteln komme will ich kurz eine Frage beleuchten, die mir sehr wichtig erscheint.

 

Wie nehmen wir Menschen wahr - was „sieht“ die Kamera?

 

Unser Auge sendet das, was es sieht, direkt an unser Gehirn. Dieses sortiert nun blitzschnell aus: das, worauf wir unseren Fokus, unsere Aufmerksamkeit richten, wird von uns bewusst wahrgenommen - wir sehen also was uns interessiert, gefällt oder auffällt. Anderes, aus dieser, unserer Sicht Nebensächliches (am Rand und um das Objekt der Begierde herum) wird ausgeblendet.

Das ist eine sehr clevere Vorgehensweise unseres Gehirns um uns nicht mit unnützen Informationen zu belästigen. laughing

 

Die Kamera funktioniert sehr anders, denn sie hat kein Gehirn, das nach Interesse aussortiert. Sie unterscheidet nicht, sortiert nicht und blendet keine Details aus. Aufs Bild kommt alles das, was sich innerhalb des Bildausschnittes befindet. Das ist auch der Grund, warum wir oft enttäuscht feststellen, dass unser Bild so ganz anders aussieht als wir das Motiv bei der Aufnahme sahen. Plötzlich ist da z.B. ein Mülleimer mitten im Bild, den wir beim Fotografieren zuvor gar nicht bemerkten, oder ein Wirrwarr von Details lässt unser eigentliches Motiv untergehen.

 

Als FotografIn gilt es also zu lernen, unser entstehendes Bild auch mit den „Augen der Kamera“ zu sehen indem wir den Bildausschnitt – und alles, was später darin zu sehen sein wird - vor der Aufnahme bewusst anschauen. (Das geht am besten, indem man durch den Sucher der Kamera blickt.)

 

 Es gilt also, das Bild vor der Aufnahme auf zwei Arten zu betrachten:

  • Zuerst schaue ich mit meiner ganz individuellen Sicht und Wahrnehmung – was interessiert mich, was will ich zeigen?
  • Ist mein Motiv ausgewählt, wird zum objektiven Kamera-Blick gewechselt: Was sieht die Kamera? Was wird später alles auf dem Bild zu sehen sein - und was davon gefällt mir, was stört vielleicht die „Harmonie“ des Bildes?

 

 

Was sind nun Stilmittel und optische Grundregeln in der Fotografie?

Hier werde ich nur einen stichwortartigen Überblick geben, sonst wird ein ganzes Buch draus. laughing

 

 

Der Bildwinkel (hier geht es um die Brennweite des Objektivs) und seine Wirkung:

 

Der "normale Bildwinkel“ eines Menschen entspricht etwa einer Brennweite zwischen 35 und 50 mm.

Normal bedeutet hier, das Sichtfeld, das wir bewusst und scharf wahrnehmen. Dafür gibt es tatsächlich das klassische „Normal-Objektiv“ mit einer Brennweite zwischen 35 und 50 mm.

 

Das Tele-Objektiv (Brennweiten über 50 mm) verkleinert den Bild-Ausschnitt, holt also das Motiv näher heran. Zudem hat es den Effekt einer geringen Tiefenschärfe (Hinter- und Vordergrund werden unscharf abgebildet), die das Motiv gut herausstellt. (Hilfreich bei z.B. Nahaufnahmen und Portraits). Die Bilder wirken übersichtlich, ruhig und statisch, aber auch flächig, haben eine geringe Tiefenwirkung.

 

Das Weitwinkel-Objektiv (Brennweiten unter 35 mm):

Der Name sagt es schon: Es ist ein weiter, breiter Blickwinkel sichtbar. Der Bild-Ausschnitt ist größer. Die optischen Wirkungen sind: Unübersichtlichkeit und Unruhe, viel Dynamik und große Raumtiefe. Der Vordergrund wird betont, da optisch größer dargestellt, nach hinten werden die Dinge kleiner. (Nicht so geeignet bei Portraits, da es die Gesichter optisch verzerrt). Großer Tiefenschärfenbereich.

 

 

 

Die Perspektive

 

Die Perspektive ist deshalb so wichtig, weil sie den Blick des Bild-Betrachters bestimmt. Bekannt sind die Normal-, Frosch-, Vogelperspektive und „Augenhöhe“.

 

Die Froschperspektive: Hier nimmt man das Motiv von unten auf – der Standort der Kamera ist also unterhalb des Motives. Die Bildwirkung hier: Sie macht den Betrachter klein und lässt das Motiv groß wirken. 

 

 

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Die Vogelperspektive: Hier ist der Kamerastandpunkt oberhalb des Motives. Bildwirkung: es schafft einen Überblick, der Betrachter schaut "von oben herab" und das Motiv wirkt kleiner.

 

 

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Auf Augenhöhe: Hier ist die Kamera mit dem Motiv auf Augenhöhe. Je nach Motiv ist das natürlich unterschiedlich und selten ist das unsere gewohnte „menschliche Augenhöhe“ von etwa 1,60 Meter Höhe. Wird eine Blume fotografiert, die auf dem Erdboden wächst, oder auch ein kleines Kind, muss die Kamera tiefer gehen. Die Augenhöhe hier wird also vom Motiv und dessen Größe bestimmt.

 

 

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Die Normalperspektive: Dies ist die Fotografie aus unserer gewohnten Sicht – dem Standpunkt eines Menschen. Prinzipiell wird hier erst einmal ein neutral beobachtender Standort eingenommen, wie wir Menschen es gewohnt sind. Darum ist die Fotografie aus der Normalperspektive mit den größten Herausforderungen verbunden, da diese Perspektive in diesem Fall nichts (außergewöhnliches) zur Bildwirkung beiträgt – denn wir sind es gewohnt, aus dieser Perspektive zu schauen.

 

 

 

 

 

Der goldene Schnitt

 

Ob im menschlichen Körper, in der Blattstellung von Palmen, in der Innenarchitektur oder im Bildaufbau alter Kunstwerke: Das Seitenverhältnis des Goldenen Schnittes findet überall seinen Ausdruck und wird von uns Menschen als "naturgemäß und harmonisch" - folglich als schön - empfunden. Wer sich intensiver damit auseinander setzen möchte: Auf Wikipedia findet sich viel Mathematisches dazu.  Hier eine Seite, die sehr ausführlich und aus einer interessanten Sicht auf das Thema eingeht: Der goldene Schnitt - das Mysterium der Schönheit

 

In der Fotografie ist der „goldene Schnitt“ auch unter dem Begriff  „2/3-Regel“ bekannt. Das bedeutet, ganz grob und extrem verkürzt gesagt: das Motiv wird nicht mittig ins Bild plaziert sondern an den Schnittpunkten der im unteren Bild eingezeichneten Linien. Wobei ich hier anmerken möchte: Regeln sind niemals ein "Muss" und natürlich sieht es manchmal super aus, wenn wir das Motiv genau in die Mitte des Bildes setzen. Aber eben ... manchmal (bewusst gewählt) und nicht immer. laughing

 

 

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Ein „Rahmen“ für das Motiv

 

Viele Fotos wirken um einiges schöner, wenn sie einen gewissen Rahmen besitzen. Dabei unterscheidet man natürliche Rahmen, also Rahmen die durch die Aufnahme aus einem bestimmten Blickwinkel entstehen, und künstlerische Rahmen, die mit einem Bildbearbeitungsprogramm nachträglich ins Bild gebracht werden.  

Natürliche Rahmen direkt bei der Aufnahme können z.B. Fenster, Durchgänge, Hecken, Zweige oder ähnliches sein, durch die hindurch-fotografiert wird. Ein solcher Rahmen muss nicht zwangsläufig rund um das Motiv gelegt sein.

Beim Fotografieren durch einen Zaun, ein Gitter oder einen Käfig (zum Beispiel bei der Tierfotografie) lässt sich ebenfalls ein interessanter Rahmen schaffen. Befindet sich das Motiv ein gutes Stück dahinter, so kann der Rahmen unscharf dargestellt werden – was das Motiv zusätzlich hervorhebt.

Rahmen erzeugen auch eine Tiefenwirkung; zudem ist es möglich damit unerwünschte Bildelemente auszublenden.

 

 

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Die Tiefenschärfe – oder auch Schärfentiefe ...

 

einfach gesagt ist die Tiefenschärfe der Bereich vor und hinter dem eigentlichen Motiv, der noch als scharf wahrgenommen wird. Diese können wir mit der Kameratechnik beeinflußen. "Wollen wir einen unscharfen Hinter- und Vordergrund, oder soll das Bild nahezu durchgehend scharf sein?" Ist ein Beispiel für die Anwendung.  

 

 

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Dynamik ins Bild bringen - durch "Bewegung" ...

 

dies geht mit gezielt gezeigter Bewegungsunschärfe, die wir mit Hilfe der Kameratechnik erzeugen können. Das ist ein wenig tricky, aber es lohnt sich, sich darin zu üben! Im unteren Bild habe ich auf diese Weise die Bewegung der Hand beim Schlag mit dem Hammer festgehalten. 

 

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Auf Linien und Muster im Bild achten

 

Es gibt ein paar Grundsätze für den optischen Eindruck:

Horizontale Linien geben dem Bild oft eine ruhige Wirkung.

Diagonale Linien können das Bild interessanter machen.

Geschwungene Linien, die sich durch das Bild schlängeln, lockern ein Bild oft auf.

Wege zum Beispiel, Straßen, die nach hinten ins Bild laufen – diese nach hinten zueinander laufenden Linien erwecken den Eindruck von Tiefe und „leiten“ das Auge des Betrachters „nach hinten“ ans Ende des Weges. Steht dort noch ein „vom Sonnenlicht beschienener Baum“ - wird der Blick also dorthin „wandern“ – steht dort allerdings ein Mülleimer oder ist da ein Parkplatz voll mit Autos, wird dieses vom Betrachter am Ende anvisiert. laughing

 

 

 

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„Leerer Raum“ auf dem Bild – auch „negativer Raum“ genannt

 

Damit ist der Bereich des Bildes gemeint, der das Motiv umgibt, aber scheinbar nichts zum Bild selbst beiträgt. (Z.B. Himmel)

Der „leere“ Raum sorgt dafür, dass das Auge des Betrachters sofort auf das wichtigste im Bild gelenkt wird - auf das Motiv. Bilder mit einem sehr großen negativen Raum wirken oft sehr besonders – können aber auch schnell  „wie gewollt und nicht gekonnt“ aussehen, langweilig oder als wäre das Motiv versehentlich - falsch anvisiert - an den Rand gedrängt.

Wichtig ist, dass der „leere Raum“ auch „leer“ wirken sollte. Also keine unruhigen Muster oder Dinge darauf zu erkennen sind. Ich bin der Meinung, dieses Stilmittel ist mit großer Behutsamkeit und eher selten einzusetzen, da es sonst schnell inflationär wirkt.

 

 

 

 

 

Last not least – natürlich das Licht!

 

Licht erzeugt Stimmung. Unterschiedliche Lichtrichtungen und -höhen erzeugen sehr unterschiedliche Stimmungen.

In meinen Kursen höre ich zu Beginn oft die Frage, ob es denn wahr sei, dass man nicht gegen das Licht fotografieren solle oder könne. Es scheint eine Art ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass „richtig zu fotografieren“ bedeutet, die Sonne im Rücken zu haben. Für die Kamera-Technik und eine richtige Belichtung des Bildes ist es tatsächlich so am einfachsten. Die Farben wirken kräftig und das Bild klar.

Aber es geht natürlich auch anders: Mit Gegen- oder Seitenlicht, was oft deutlich interessantere Bilder bringt.

 

Kommt das Licht von der Seite, fallen auch die Schatten seitlich. Sie werden deutlich sichtbar und erzeugen im Bild den Eindruck von Tiefe. Es entsteht ein spannendes Spiel aus Licht und Schatten.

Die richtige Belichtung ist auch hier noch relativ einfach (auch für die Kamera-Automatik).

 

Gegenlicht (das heißt, das Licht kommt von vorne) liefert die größten Hell-Dunkel-Kontraste, gleichzeitig verblassen die Farben. Hier versagt die vollautomatische Belichtung der Kamera meist und es muss manuell eingestellt werden. Im Gegenlicht können aber auch die interessantesten Fotos entstehen! Durch das Spiel mit dem Licht bekommt das Bild oft schon von ganz allein einen fast künstlerischen Charakter. Gegenlicht kann besonders  in der Morgen- und Abenddämmerung zu beeindruckenden und ungewöhnlichen Fotos verhelfen.

 

 

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Direktes Sonnenlicht an wolkenlosen Tagen wird auch als hartes Licht bezeichnet. Es sorgt für ausgeprägte Schatten und hohe Kontraste. Ist es wolkig, wird das Licht weicher.  (Wolken streuen das Licht). Weiches Licht erzeugt sanftere Fotos - da kaum Schatten sichtbar sind, das Foto heller wirkt und die Ränder unschärfer sind.

Auch helle Sommertage bieten diffuses Licht: an schattigen Plätzen ist das Licht ähnlich weich wie an einem bewölkten Tag. Wichtig ist hier allerdings: Oft gibt es im Baumschatten Lichtpunkte, da das Blätterdach nicht dicht ist und so Sonnenpunkte entstehen. Das kann spannende Aufnahmen geben – ist aber für Portraits z.B. wenig geeignet. 

 

Licht erzeugt Schatten und Spiegelungen.

Die Schatten, die Gegenstände und Personen bei Sonnenlicht werfen, besitzen einen besonderen Reiz in der Fotografie. Sie können Räumlichkeit und Tiefe ausdrücken, sie können manchmal sogar interessanter als das eigentliche Hauptmotiv sein.

Spiegelungen sind ebenso interessant. Sie zeigen sich an Seen oder Flüssen, aber auch in Glasscheiben oder auf nassem Asphalt und erzeugen oft tolle Effekte.  

 

Undsoweiter undsoweiter. :-)) 

 

Vielleicht ist es mir gelungen, mit diesem Text Lust aufs "malen mit Licht" zu machen? Mich würde es freuen.

Schreibt mir gerne eure Kommentare und Fragen zu diesem Artikel - und zeigt mir Fehler auf, wenn ihr welche findet! :-)

 

Schöne Osterfeiertage und viel Freude beim Fotografieren wünsche ich euch

Petra

 

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