Haben Krähen Bewusstsein?
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Krähen · Folge 1

Wenn die Wissenschaft diese Frage stellt, klingt sie zunächst wie eine wirklich offene Forschungsfrage. Aber oft ist schon vorgegeben, in welche Richtung geschaut wird: Maßstab für Bewusstsein ist der Mensch. Andere Lebewesen müssen zeigen, wie weit sie an diese menschliche Form heranreichen.

 

Sie werden getestet. Sie müssen Probleme lösen, die wir für sie gebaut haben, sich im Spiegel erkennen, Werkzeuge wählen, auf eine Belohnung warten und so weiter. Gelingt ihnen das, sprechen wir vorsichtig von einer „erstaunlichen kognitiven Leistung“. Gelingt es ihnen nicht, wird das Ergebnis schnell als Grenze des Tieres gelesen. Ob vielleicht auch der Versuch oder unser menschlicher Maßstab eine Grenze hat, wird viel seltener gefragt.

Warum sollte das Bewusstsein einer Krähe überhaupt so sein wie das eines Menschen? Und wenn es anders ist – ist es deshalb keines?

 

 

Das andere Gehirn

 

Das Gehirn eines Vogels ist anders aufgebaut als das eines Säugetiers. Beim Menschen werden viele komplexe geistige Fähigkeiten mit dem Neokortex – einem Teil der Großhirnrinde von Säugetieren – verbunden. Vögel besitzen keinen Neokortex. Und darum wurde lange Zeit angenommen, dass ihnen diese Fähigkeiten fehlen müssten. Kein Neokortex – keine damit verbundenen Fähigkeiten; so der einfache und falsche Schluss.

 

Heute wissen wir mehr. Singvögel und Papageien haben in ihren vergleichsweise kleinen Gehirnen sehr dicht gepackte Nervenzellen. Große Rabenvögel können im Vorderhirn so viele oder sogar mehr Nervenzellen besitzen als manche Primaten mit deutlich größeren Gehirnen. Im Vorderhirn von Vögeln wurden außerdem Schaltkreise gefunden, die zwar anders aufgebaut sind als die im Neokortex von Säugetieren, aber nach ähnlichen Prinzipien organisiert sind.

Komplexe Fähigkeiten können auch in einem Gehirn entstehen, das anders aufgebaut ist als unseres.

 

 

Ein Versuch

 

Wie kann man herausfinden, ob eine Krähe etwas bewusst wahrnimmt? Man kann sie nicht einfach fragen. Ein Forschungsteam der Universität Tübingen entwickelte dafür einen Versuch mit zwei Rabenkrähen.

 

Die Krähen saßen vor einem Bildschirm. In manchen Durchgängen erschien dort für kurze Zeit ein kleines Quadrat, in anderen blieb der Bildschirm leer. Das Quadrat war unterschiedlich deutlich zu sehen: manchmal gut erkennbar, manchmal so schwach, dass es sich kaum vom Hintergrund abhob. Danach verschwand es wieder und es folgte eine kurze Wartezeit.

 

Die Krähen hatten vorher gelernt, mit einer Kopfbewegung oder durch Stillhalten anzugeben, ob sie das Quadrat gesehen hatten. Welche der beiden Reaktionen in einem Durchgang „gesehen“ bedeutete, erfuhren sie aber erst nach der Wartezeit. Dann erschien entweder eine rote oder eine blaue Farbe. Bei Rot bedeutete eine Kopfbewegung „gesehen“ und Stillhalten „nicht gesehen“. Bei Blau war es genau umgekehrt.

 

Diese zusätzliche Regel hatte einen wichtigen Grund. Während der Wartezeit wusste die Krähe noch nicht, welche Bewegung sie gleich ausführen musste. Die Forscher konnten deshalb ausschließen, dass die gemessene Gehirnaktivität lediglich der Vorbereitung dieser Bewegung diente.

 

Entscheidend waren die kaum sichtbaren Quadrate. Bei einem solchen Quadrat mit immer gleicher Stärke zeigte die Krähe manchmal „gesehen“ und manchmal „nicht gesehen“ an. Das Quadrat war in beiden Fällen tatsächlich auf dem Bildschirm vorhanden. Der äußere Reiz war also gleich, die Antwort der Krähe aber unterschiedlich.

 

Während des Versuchs wurde die Aktivität einzelner Nervenzellen im Vorderhirn der Krähen aufgezeichnet. Unmittelbar nachdem das Quadrat erschienen war, hing diese Aktivität vor allem davon ab, wie stark der tatsächliche Reiz gewesen war. Während der anschließenden Wartezeit änderte sich das. Nun passte die Aktivität bestimmter Nervenzellen dazu, ob die Krähe später „gesehen“ oder „nicht gesehen“ anzeigte. Bei einem äußerlich gleichen Reiz unterschied sich die Gehirnaktivität also je nachdem, ob die Krähe anschließend „gesehen“ oder „nicht gesehen“ meldete.

 

Genau deshalb wird der Versuch mit Bewusstsein in Verbindung gebracht. Hätten die Nervenzellen nur auf den Lichtreiz reagiert, hätte ein gleich starkes Quadrat auch zu einer ähnlichen Aktivität führen müssen. Stattdessen hing die spätere Aktivität damit zusammen, ob der Reiz für die Krähe offenbar wahrnehmbar geworden war.

Die Forscher bezeichneten das als ein neuronales Korrelat bewusster Wahrnehmung. Damit ist eine messbare Aktivität im Gehirn gemeint, die damit zusammenhängt, ob ein äußerer Reiz wahrgenommen wird.

 

Der Versuch kann nicht zeigen, wie die Krähen die Quadrate erlebten und ob die gemessene Gehirnaktivität tatsächlich Bewusstsein bedeutet. Aber auch beim Menschen können wir Bewusstsein nicht von außen sehen. Wir verbinden das, was ein Mensch über seine Wahrnehmung berichtet, mit seinem Verhalten und mit der gemessenen Aktivität im Gehirn – und daraus schließen wir auf Erleben.

 

Das fällt uns nicht schwer, weil wir Bewusstsein und Wahrnehmung aus eigenem Erleben kennen. Wir können bei uns selbst beobachten, dass wir wahrnehmen. Bei einer Krähe fehlt uns dieser unmittelbare Zugang. Sie kann uns nicht in menschlicher Sprache beschreiben, was sie erlebt. In diesem Versuch ersetzte deshalb ihre erlernte Reaktion den sprachlichen Bericht.

Und nur weil wir keinen Zugang zur Innenperspektive einer Krähe haben, bedeutet das doch nicht, dass die Krähe keine hat.

Pures Funktionieren?

 

Gerade die Wissenschaft schaut gerne darauf, welche Funktion ein Verhalten hat und wodurch es entsteht – und nimmt das schnell als vollständige Erklärung. Selbst bei uns Menschen tut sie das. Bei Tieren lässt sich für beinahe jedes Verhalten eine solche Erklärung finden. Lernen? Konditionierung. Vorsicht? Schlicht Instinkt oder Erfahrung. Bindung? Biologisch wichtig für Fortpflanzung und Zusammenleben. Spiel? Fähigkeiten werden trainiert. Die Reaktion auf tote Artgenossen? Es wird etwas über Gefahr gelernt.

 

All diese Erklärungen können richtig sein. Aber sie beantworten zunächst nur, welche Funktion ein Verhalten hat oder wodurch es entsteht. Sie sagen noch nichts darüber aus, was ein Tier dabei erlebt.

 

Auch menschliche Liebe und Bindung haben biologische und soziale Funktionen. Angst schützt uns. Im Spiel erlernen und verbessern Kinder ihre Fähigkeiten. Trauer verändert unser Verhalten. Trotzdem kämen wir beim Menschen nicht auf die Idee, dass diese Gefühle und Erfahrungen deshalb weniger wirklich sind.

 

Beim Tier wird die Funktion dagegen schnell zu einer Alternative zum Erleben. Wenn eine Krähe an einer toten Artgenossin etwas über eine Gefahr lernt, scheint sich die Frage nach Trauer nicht mehr zu stellen. Wenn Spiel der Übung dient, muss keine Freude daran beteiligt sein. Wenn Bindung das Überleben oder die Fortpflanzung unterstützt, braucht es dafür offenbar kein Gefühl von Verbundenheit.

Aber warum sollte nur eines von beidem möglich sein? Ein Verhalten kann eine Funktion haben und zugleich mit Erleben verbunden sein.

 

Im Jahr 2024 wurde an der New York University die New Yorker Erklärung zum Tierbewusstsein veröffentlicht. Darin heißt es, dass es starke wissenschaftliche Unterstützung für bewusstes Erleben bei Säugetieren und Vögeln gibt. Und wenn bei einem Tier eine realistische Möglichkeit für bewusstes Erleben besteht, sei es unverantwortlich, diese Möglichkeit bei Entscheidungen über sein Wohlergehen zu ignorieren.

 

Wir müssen doch nicht erst genau wissen, wie eine Krähe empfindet, bevor wir die Möglichkeit ihres Erlebens ernst nehmen. Eine biologische Funktion spricht nicht dagegen.

 

 

Eine Krähe ist kein Mensch

 

Sie muss nicht wie ein Mensch empfinden, um überhaupt etwas zu empfinden. Ihr Gehirn ist anders aufgebaut, ihre Sinne setzen andere Schwerpunkte, ihr Körper und ihre Lebensweise unterscheiden sich von unseren. Es wäre eher erstaunlich, wenn sie ihre Welt genauso erlebte wie wir.

 

Vermutlich erlebt sie Raum, Zeit, ihren Körper, Beziehungen und Erinnerungen auf eine mir sehr fremde Weise. Vielleicht ist ihr Bewusstsein nicht weniger, sondern anders. Manche menschlichen Fragen bedeuten ihr vermutlich nichts. Und für sie kann vieles wichtig sein, das ich schlicht nicht erkenne.

 

Ich weiß also nicht, wie es ist, eine Krähe zu sein. Aber ich halte es für falsch, ihr Bewusstsein deswegen weniger ernst zu nehmen.

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