Krähen fotografieren, für meinen Blog. Das war mein Ziel, mit dem ich über die Felder ging. Irgendwann lag vor mir – beinahe über die ganze Breite des Wegs – eine richtig große Pfütze. Und ich konnte mein Glück kaum fassen! Mitten darin zwei schöne, krähenschwarze Krähen, die im Wasser planschten. Sie waren einander zugewandt und ließen flügelschlagend das Wasser nur so aufspritzen. Ganz langsam, sehr, sehr langsam ging ich in die Knie und versuchte auf diese Weise, vorsichtig näher zu kommen. Zum Glück waren keine Spaziergänger in der Nähe, die mich beobachteten. Oder gar die Krähen verscheuchten! Ich wollte sie doch fotografieren.
Aber dann wurde ich offensichtlich bemerkt. Eine der beiden hörte auf mit ihrem Bad und schaute mich direkt an. So viel also zum möglichst unauffälligen Näherkommen.
Ich wollte die beiden beobachten und nun wurde ich selbst angeschaut. Und ich fragte mich: Passt die eine jetzt auf? Schaut sie, ob ich ungefährlich bin, während die andere ihr Bad fortsetzt? Würde sie die andere warnen, wenn ich zu nahe käme?
Vielleicht. Ob sie dabei für beide aufpasste oder zunächst einfach selbst wissen wollte, wer da näher kam, kann ich nicht sagen. Aber es beschäftigte mich.
Dass der Blick eines Menschen für einen Vogel einen Unterschied machen kann, ist tatsächlich untersucht worden. In einer Feldstudie mit Amerikanerkrähen näherten sich Menschen den Vögeln einmal mit direktem, einmal mit abgewandtem Blick. Wurden die Krähen direkt angeschaut, reagierten sie früher mit Flucht. Ob der Mensch dabei lächelte oder finster schaute, machte in diesem Versuch keinen nachweisbaren Unterschied. [1] Schade eigentlich. Wie schön wäre es, wenn sie erkennen würden, dass ich „in friedlicher Absicht“ komme.
Wie viel bekommen Krähen überhaupt von den Menschen mit, die ihnen begegnen? Könnten die beiden mich irgendwann wiedererkennen, wenn ich öfter dort unterwegs wäre? Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich sie nicht wiedererkennen würde! Und vielleicht sehen für Krähen alle Menschen so ähnlich aus wie für uns Menschen die Krähen?
Das scheint nicht so zu sein! Bei den eben schon erwähnten Amerikanerkrähen wurde auch das Wiedererkennen menschlicher Gesichter erforscht. Die Menschen trugen beim Fangen und Beringen der Vögel bestimmte Gesichtsmasken. Später schimpften die Krähen Menschen mit genau diesen Masken an, egal, wer daruntersteckte. Und noch erstaunlicher finde ich, dass sich die Krähen noch Jahre später daran erinnerten. [2] Eine weitere Untersuchung zeigte, dass auch Krähen, die selbst gar nicht gefangen worden waren, aus den Reaktionen ihrer Artgenossen lernten, diese Gesichter als gefährlich einzuordnen. [3]
Ob die beiden Badegäste dort mich vielleicht bei weiteren Begegnungen kennenlernen würden, mich wiedererkennen? „Ah, die mit der Kamera wieder. Okay, die tut nix.“ 😁
Und dann ist da noch die Frage, die sich mir beim Zuschauen ebenfalls stellte: Haben die beiden einfach gebadet, ihr Gefieder gesäubert oder war auch Spaß am Spiel dabei? Für mich hatte dieses gemeinsame Planschen etwas Vergnügtes. Natürlich ist das erst einmal mein Eindruck. Aber Spiel ist bei Rabenvögeln durchaus beobachtet und untersucht worden. Eine Studie an frei fliegenden Kolkraben in Österreich beschreibt beispielsweise, wie sie mit Gegenständen wie Stöckchen oder Federn spielen, manchmal auch gemeinsam. Und es waren keineswegs ausschließlich Jungvögel: Auch erwachsene Kolkraben spielten. Manchmal verbanden die Vögel das Spiel mit Gegenständen sogar mit Bewegungen wie dem Herunterrollen an Hängen. [4]
Vielleicht auch mit Wasser in Pfützen? Wer weiß. Ich finde aber die Vorstellung schön und nun gar nicht mehr so abwegig, seit ich weiß, dass Spielen zu ihrem Leben gehören kann.
Schließlich flogen die beiden gemeinsam davon und ließen mich mit meinen Fragen und Gedanken zurück. Und mit der Freude, den beiden hier begegnet zu sein.
Noch mehr Krähenfragen: Haben Krähen Bewusstsein?
Quellen
- Clucas und Kollegen (2013): Do American Crows Pay Attention to Human Gaze and Facial Expressions?
- Marzluff und Kollegen (2010): Lasting recognition of threatening people by wild American crows
- Cornell, Marzluff und Pecoraro (2012, online 2011): Social learning spreads knowledge about dangerous humans among American crows
- Bapat und Kollegen (2025): Patterns of object play behaviour and its functional implications in free-flying common ravens


