Eine Szenerie - unterschiedliche Perspektiven / Teil 1
165 Views

 

Wer schon an einem meiner Kurse teilgenommen hat kennt die Bildbesprechungen. laughing Etwas ähnliches will ich hier heute tun. Allerdings werde ich mich dabei einzig auf das Thema "Perspektive" konzentrieren.

 

Ich war mit dem Fotoapparat unterwegs. 

Der Ort: Das (ehemalige) Buga-Gelände in Heilbronn; kurz nach Sonnenaufgang. 

 

Mein Model war ein - netterweise geduldiger und unerschrockener - Reiher. Vermutlich ist er Menschen gewohnt. Während er also ruhig sitzen blieb, konnte ich mich (behutsam) bewegen um ihn aus mehreren Perspektiven heraus zu fotografieren. 

 

Los geht´s - mit Foto Nummer 1:

 

 

Zwar tritt der Reiher als Motiv schön hervor und der unscharfe Hintergrund deutet Dreidimensionalität an - eine gute Tiefenwirkung hat dieses Foto jedoch nicht.

 

Das Geländer quert das gesamte Bild. Auch wenn sichtbar ist, dass ich nicht frontal davor stand und so wenigstens ein Hauch von "Tiefe" entsteht, bewirkt diese querlaufende Linie dennoch eine Art "Stopp"; ähnlich einer geschlossenen Schranke. Besucher beziehungsweise Betrachter bleiben draußen, werden nicht ins Bild hinein geführt.

  

Dadurch, dass mein Standpunkt etwas unterhalb des Reihers war, gewinnt er an "Größe" und wirkt "erhaben". Dies ist zwar eine eher subtile, aber nicht zu unterschätzende Wirkung. Sehr gerne lassen sich z.B. Politiker aus dieser Perspektive heraus ablichten. laughing 

 

 

Weiter zu Foto Nummer 2:

 

 

 

Nur einen Schritt zur Seite und auf "Augenhöhe" ... schon ist die Bildwirkung eine ziemlich andere.

Der Reiher büsst sichtlich etwas von seiner Erhabenheit ein; dafür gewinnt das Foto immens an Tiefe, die Szenerie wirkt deutlich interessanter und spannender. 

 

Das Geländer läuft nun nach hinten ins Bild hinein und nimmt den Betrachter mit. Zum einen natürlich zum Hauptmotiv, dem Reiher, aber auch weiter an ihm vorbei den Weg entlang bis ans Ende.   

 

Es entsteht der Eindruck von räumlicher Tiefe - etwas, das in der Fotografie als auch in der Malerei angestrebt wird und gar nicht so einfach darzustellen ist. Das Medium - Leinwand oder Foto - ist ja zweidimensional. Wie bringt mal nun Räumlichkeit auf ein flächiges Medium? Unter anderem durch Linien und Licht.

 

 

 

Bild Nummer 3:

 

 

... ähnlich und doch ziemlich anders. Wieder machte ich nur einen wirklich kleinen Schritt zur Seite.

Auch hier führen die Linien ins Bild hinein. Allerdings nicht - wie in Foto Nummer 1 - schräg, sondern direkt am Handlauf des Geländers entlang.

 

Im vorherigen Bild geht der Blick bis nach hinten auf´s Geländer  - dort wird er gestoppt.

Aus dieser Perspektive heraus ist der Weg nun komplett mit Seitenbewuchs zu sehen und am Ende dessen Weiterführung nach links zu erahnen; der Betrachter "sieht" also: hier geht es noch weiter. Das verstärkt den Eindruck von Tiefe und Räumlichkeit und lässt sozusagen "das Ende offen" laughing .

 

Allerdings sind hier keine Geländerstäbe sondern nur die Handlaufoberfläche zu sehen, was das Foto wiederum flacher wirken lässt. 

 

 

 

Weiter geht's zum nächsten Bild:

 

 

 

Hier habe ich lediglich das Bildformat geändert.

Quer- oder Hochformat? - das ist die Frage.

Der Reiher kommt beim Hochformat stärker zur Geltung; allerdings fehlt hier ein Teil es Weges, was dem Bild viel nimmt.

Meine persönliche Vorliebe ist das Querformat. Ich empfinde es als weiter und freier. Hochformate wirken auf mich per se eingeengt.  

 

Welches der Fotos nun "besser" ist - einfach Geschmackssache. Da gibt es kein richtig oder falsch. Aber es gibt unterschiedliche Bildwirkungen. Wer diese kennt, kann bewusst damit spielen und genau das ins Foto bringen, das man selbst drinhaben möchte.

 

Vieles machen wir intuitiv wenn wir fotografieren. Wir spüren "dass es so stimmt". Meine Erfahrung ist, dass wir Frauen oft intuitiver unterwegs sind und mehr "nach (und mit) Gefühl" fotografieren als Männer das tun. Natürlich gilt das nicht pauschal für alle Frauen und Männer, aber doch für einen großen Teil.

 

Ich sehe das so: Gefühl ist super und ja, auch ich fotografiere in erster Linie "nach Gefühl" - setze aber dazu auch auf mein Wissen. Denn Gefühl und Intuition gepaart mit dem Wissen des "Warum" machen das Ganze zu einer durchweg runden Sache. 

 

 

 

Weiter mit Bild Nummer 5:

 

 

 

Hier ist nun eine sehr andere Perspektive. Es gibt mehr Linien, sie kreuzen sich - der Reiher tritt hier nicht ganz so stark in den Vordergrund. 

Zwar gibt es vorne eine querlaufende Linie, die aber durch die Unschärfe nur zart angedeutet ist und darum weniger als "Stopp" wirkt. Der Blick geht nach links - und wandert am Geländer lang nach hinten. Was dem Bild Tiefe verleiht. 

Gerade auch diese unterschiedlich verlaufenden Linien die sich kreuzen bringt eine gewisse Spannung ins Bild und macht es interessant. Da das Grün durch die Unschärfe eher ruhig wirkt, wirkt das Bild auch nicht "wirr" und bleibt klar. 

 

Zusätzliche Tiefe bekommt das Bild auch dadurch, dass hier das Ganze als Brücke erkennbar wird und ein kleiner Durchblick unter der Brücke sichtbar ist. 

 

 

Die Nummer 6 und das letzte Foto für heute: 

 

 

Die Linien rechts und links (Bäume und Geländer) führen nach hinten ins Bild hinein und treffen am Ende aufeinander. Sie führen das Auge ganz klar.  Entgegen der Zweidrittel-Regel in der Fotografie (dazu schrieb ich auch hier etwas: Schnappschuß oder Fotografie) steht der Reiher hier mittig im Bild; und das ist - hier mit dieser Linienführung - genau richtig (so sehe ich das zumindest laughing). 

Was ein schönes Beispiel dafür ist, dass es zwar gut ist, die optischen Regeln zu kennen - sie bei Bedarf aber einfach links - oder mittig - liegen gelassen werden können. 

 

 

Hier ist der Reiher sehr schön freigestellt, vor dem hellen Hintergrund. Deutlich imposant steht er da. An Erhabenheit konnte er darum wieder gewinnen, weil ich vor ihm auf die Knie ging (nur um des Fotos willen laughing). 

 

Toll fürs Fotografieren ist natürlich zartes Morgenlicht. Ich glaube ich erwähnte es schon öfter: es lohnt sich, früh raus zu gehen.

 

Mehr zum Thema Licht wird es im zweiten Teil geben.

Der Reiher tat mir nämlich den Riesengefallen ein paar Meter weiter ans Neckar-Ufer zu fliegen, um sich mir dort noch einmal als Model zur Verfügung zu stehen. 

 

Bis nächste Woche also.  smile

 

Eure Meinung interessiert mich. Nutzt gerne die Kommentar-Funktion und schreibt wie ihr das seht.  

 

 

Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden
Petra Müller - Fotografieren mit Gefühl [-cartcount]