STADT - ANSICHTEN

 

 

Alle Städte mussten einmal klein anfangen. Das ging Neckarsulm nicht anders. Immerhin existierte es schon bevor Karl der Große zum Kaiser gekrönt wurde.

771 war ein Villa Sulmana erstmals in einer Urkunde des Klosters Lorsch erwähnt worden. Zu sehen ist aus dieser Zeit und den folgenden Jahrhunderten nichts mehr -  zumindest nicht oberirdisch. Bei Bauarbeiten werden aber immer wieder uralte Baureste und Gegenstände gefunden, die bis in die Bronzezeit zurückreichen.

1484 trat der Deutsche Orden in die Geschichte von Neckarsulm ein. Aus dieser Zeit stammt der Löwenbrunnen (natürlich mehrfach restauriert) auf dem auch das Wappen des Deutschen Orden zu sehen ist.

 

 

 

Bald darauf begann die wohl unruhigste Zeit in deutschen Landen.

Erst schlug Luther seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg, in denen er den Zustand der Kirche anprangerte; dann verfasste er die Denkschrift "Von der Freíheit eines Christenmenschen". Das nahmen die Bauern aus Sicht der Obrigkeit zu wörtlich, worauf es zu den Bauernkriegen kam.

Die von den Herren von Weinsberg im 13. Jahrhundert erbaute und vom Deutschen Orden übernommene Burg auf dem Scheuerberg wurde 1525 zerstört, zusammen mit mehr als 200 anderen Burgen im Land.

 

 

Auf dem Scheuerberg finden sich nur noch Reste der Burganlage.

 

 

 

 

In einem grausamen Krieg wurden die Bauern besiegt, die schweren Spannungen zwischen den Anhängern der Reformation sowie Kirche und Kaiser waren damit aber keineswegs vorbei. S`Lebbe ging trotzdem weiter.

Zum Wiederaufbau der Burg am Scheuerberg kam es nicht, der Deutsche Orden verlegte seinen Sitz ins Stadtschloss, das ebenfalls die Herren von Weinsberg errichtet hatten. An diesem Schloss wurde immer wieder gebaut und nicht für alle Teile liegt die exakte Jahreszahl der Erbauung vor.

 

Das ist das Amtshaus des ehemaligen Stadtschlosses, in dem sich heute ein Teil des Zweirad- und NSU- Museums befindet, daneben der Bergfried.

 

 

 

 

Die Schlosskapelle wurde zum Trauzimmer des Standesamtes der Stadt Neckarsulm.

 

Im Vordergrund die Plastik "Hochradgruppe" von Hermann Koziol.

 

 

 

Aus dieser Zeit stammt auch das als älteste Gebäude der Stadt bezeichnete Ackerbürgerhaus.

Es beherbergt das Stadtmuseum.

 

 

 

 

 

Ackerbürger waren übrigens Bauern, die in der Stadt wohnten, während ihre Felder oder Weinberge oft weit draußen vor der Stadt lagen.

 

 

 

 

 

Nicht viel später wurden der Gasthof Rose (heute Stadtarchiv), das ursprüngliche Rathaus und die Große Kelter (Weinpresse) errichtet.

 

 

 

 

In der großen Reichs-Welt war es inzwischen zum Augsburger Religionsfrieden gekommen, der den Anhängern der Reformation, besonders den Landesfürsten das Recht ihrer Religionsausübung zusicherte (bekannt als ,,cujus regio, ejus religio").

 

Vorübergehend ließen die Spannungen zwischen den Reformations-Anhängern sowie Kirche und Kaiser nach. Allerdings nicht lange. Durch das Einmischen ausländischer Kräfte kam es zum großen 30-jährigen Krieg, der mehr als 30 Jahre Elend, Besetzung und die Pest brachte und in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung umkam.

Erst mit dem Westfälischen Frieden (1648) kehrte langsam Normalität ein. Nach und nach wurde wiederaufgebaut. Der üppige Baustil, der sich entwickelte, hieß Barock. Die Üppigkeit dieses Stils war der architektonische Ausdruck eines empfundenen Sieges der katholischen Kräfte.

 

Das Rathaus und vor allem die Pfarrkirche St. Dionysius wurden im barocken Stil wieder hergestellt oder umgebaut.

 

 

 

 

 

Für sehr lange Zeit war dann Neckarsulm als Weinbauort bekannt.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts entwickelte sich Neckarsulm zur Industriestadt (wie weiter vorne schon erwähnt). Im zweiten Weltkrieg wurde Neckarsulm schwer zerstört und danach mühsam und Schritt für Schritt aufgebaut.

 

Die später errichteten Bauten wie die Mediathek, die Volkshochschule, die Musikschule, das Aquatoll oder Audi Forum fühlten sich der Moderne verpflichtet und stellen einen markanten Gegensatz zu den liebevoll restaurierten alten Bauten dar.

 

Zwischen alten und neuen Gemäuern findet sich immer ein hübsches Plätzchen.

 

 

 

 

 

Neckarsulm hat also eine reiche Geschichte und großzügige Einrichtungen einer nicht armen Stadt. Wie kommt es, dass mir Bekannte aus anderen Städten zögernd sagen, großzügig ja, aber ein wenig eng um die Stirn. Selbst das Wort spießig ist gefallen.

Alle bemühen sich, das ,,Gute" zu wahren; aber was wird als gut empfunden?

Wo ist die Grenze zwischen Bürger und Spießbürger?

Vielleicht kommen wir alle aus unserer schwäbischen Haut nicht heraus. Und die ist ordentlich, hat aber auch stets die Ordnung des Nachbarn im Auge.

 

Vielleicht drückt nichts stärker unseren Hang zur Ordnung aus, und zur Beobachtung der Einhaltung der Ordnung durch andere, als die schwäbische oder korrekterweise württembergische Kehrwoche. Sie beinhaltet die geregelte Reinigung gemeinschaftlich benutzter Bereiche in Mehrparteienwohnhäusern. Sie beruht auf einer Vielzahl von Erlässen, die seit des 15. Jahrhundert herausgekommen sind, um die Menschen zu Ordnung und Sauberkeit im häuslichen Umfeld anzuhalten.

 

,,Heret Sie mol, worum henn sie do net butzt, Sie henn Kehrwoch!"

 

Neckarsulmer sind nicht sehr redefreudig und wenn, dann doch häufig mürrisch oder ,,bruddelig", wie manche sagen. Dabei sind sie gesellschaftlich engagiert und vielleicht ist es sogar das Ehrenamt, das den wahren Neckarsulmer ausmacht - oder am besten gleich mehrere davon. Es gibt 238 Vereine in Neckarsulm. Vom Aquarienverein über das Mandolinen-Orchester bis zum Weinbauverein.

 

 Der Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens in Neckarsulm ist das Ganzhornfest, das traditionell von rund 50 Vereinen ausgerichtet wird. Das Ganzhornfest hat nichts mit der Jagd zu tun, was man bei einem "horn" im Namen leicht vermuten könnte, sondern basiert auf dem Dichter Wilhelm Ganzhorn, der in seinem Zweitleben ein angesehener Richter war. Auf sein romantisches Naturgedicht "Im schönsten Wiesengrunde" gehe ich unter NECKARSULM - NATURlich näher ein.